Bereits in mehreren Erhebungen konnte dargestellt werden, wie die westlich-industrielle Ernährung die Gesundheit der Menschen beeinflusst. In der Regel beschreiben die Autoren dabei die Zunahme von Übergewicht, Adipositas und damit in Verbindung stehender chronischer Zivilisationserkrankungen wie z. B. Typ-2-Diabetes.

Definiert wird die „westliche“ Ernährung als zucker-, weißmehl- und fettreich sowie defizitär an Mikronährstoffen, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Der Begriff „westlich“ leitet sich von den hoch entwickelten Industrienationen ab, die geografisch betrachtet überwiegend auf der westlichen Halbkugel gelegen waren bzw. sind. Die westliche Industrie hat u. a. im Lebensmittelsektor Verarbeitungstechnologien entwickelt, welche die Verfügbarkeit energiereicher und nährstoffarmer Lebensmittel enorm gesteigert hat.

Als eindrucksvolles Beispiel für den gesundheitlichen Einfluss der westlichen Ernährung können die Schwellenländer dienen: Aufgrund der verbesserten wirtschaftlichen Situation und der steigenden Einkommen hat die Nachfrage nach verarbeiteten Lebensmitteln und Genussmitteln zugenommen. Parallel dazu steigt die Anzahl übergewichtiger, adipöser und stoffwechselerkrankter Menschen in den Bevölkerungen rasant an.

Im Rahmen der Überlegungen, wie den ernährungsbedingten Erkrankungen vorzubeugen ist, wird auch die so genannte „artgerechte“ Ernährung des Menschen diskutiert. Damit in Verbindung steht die Annahme, dass die Rückkehr zur ursprünglichen Ernährung der Menschen in der Steinzeit nicht nur artgerecht, sondern auch den Genen entsprechend günstig sei, um Krankheiten vorzubeugen oder zu therapieren.

 

Die „Fleischfresser“-Auslese

Der Australopithecus lebte vor ca. 7 Millionen Jahren in den tropischen Regionen Afrikas. Er war der erste Menschenaffe, der den aufrechten Gang in sein Bewegungsverhalten integrierte. Seine Ernährung bestand überwiegend aus Blättern, Blüten, Samen, Früchten und Insekten, die im Wald reichlich zu finden waren. Das Fleisch höherer tierischer Lebewesen gehörte nicht zur täglichen Nahrung und war, wenn überhaupt, gelegentlich in Form von Aas verfügbar.

Bedingt durch die vom Nordpolarkreis vordringenden Kältewellen der Eiszeiten veränderte sich auch das Klima in Afrika. Die tropischen Wälder wichen Steppenlandschaften mit Grasbewuchs und weidenden Viehherden. Für die Urmenschen bestand damit der Überlebenszwang, sich den Gegebenheiten anzupassen. Das Nahrungsangebot bestand nun nicht mehr aus Blättern und Früchten, sondern aus dem Fleisch der erlegten Tiere. Wer nicht verhungern wollte, musste sich mit Fleisch, Fettgewebe und Organen sättigen. Die evolutionären Nachfolger des Autralopithecus, der Homo habilis, der Homo erectus und schließlich der Homo sapiens mussten (regionsabhängig) ca. 2 - 3 Millionen Jahre hauptsächlich mit fleischreicher Nahrung auskommen.

Die Umstellung von überwiegend pflanzlicher Nahrung auf die omnivore (Verzehr pflanzlicher und tierischer Nahrung) oder sogar carnivore (Verzehr von hauptsächlich tierischer Nahrung) Lebensweise war allerdings nicht jedem Individuum zuträglich. Aufgrund genetischer, morphologischer, physiologischer und evtl. auch sozialer Ursachen konnten sich nicht alle Urmenschen an die sich verändernden Bedingungen anpassen. Die anpassungsresistenten Individuen erkrankten, vermehrten sich nicht und starben frühzeitig. Im Lauf der Zeit verminderte sich somit die Anzahl der nicht resistenten Individuen in der Population eines Gebietes. Sie wurden Opfer der biologischen Auslese. Dem hingegen setzten sich die Anpassungsfähigen durch und gaben ihre Gene an die Nachkommen weiter. Sie hatten einen Selektionsvorteil. Auf die Weise soll sich die Genetik einer Population an eine typische Ernährungsweise angepasst haben.

Erläuterung zu Abbildung 1:

Durch Veränderung der Umweltbedingungen kommt?es zu einem veränderten Nahrungsangebot in Richtung tierischer Nahrung. Die gegenüber dieser Veränderung intoleranten Individuen erkranken, pflanzen sich weniger oder gar nicht fort und weisen eine verkürzte Lebenserwartung auf. Menschen mit diesen Eigenschaften dezimieren sich im Lauf der Zeit. Die gegenüber den Veränderungen toleranten Individuen setzen sich hingegen durch und geben ihre Gene an die Nachkommen weiter. Auf diese Weise steigt die Anzahl veränderungstoleranter Individuen in der Population an. Zum Schluss des Entwicklungsprozesses besteht die Population überwiegend aus Individuen, die genetisch an tierische Nahrung angepasst sind.

 

Der Ackerbau – Geburtsstunde von Adipositas und Typ-2-Diabetes?

Die Tier-Mensch-Übergangszeit und somit die Entstehung der Menschenartigen wird auf die Zeit vor ca. 20 Millionen Jahren geschätzt. Das erste Auftreten des modernen Homo sapiens liegt 120.000 Jahre zurück. Die Genetik der Ur-Europäer wird auf ein Alter von 40.000 Jahren (Haak et al. 2005) datiert. Dem gegenüber stellt der Ackerbau einen vergleichsweise kurzen Zeitabschnitt dar. Vor ca. 10.000 Jahren aus dem vorderem Orient kommend, breitete er sich im Laufe der nächsten Jahrtausende bis Westeuropa aus. In Portugal hielt der Ackerbau demnach erst vor 2.000 - 3.000 Jahren Einzug.

Stellt man die Zeitspannen gegenüber, leitet sich die Überlegung ab, dass die altzeitliche Genetik der Europäer scheinbar nicht an die neuzeitliche getreidereiche Ernährungsweise angepasst sei. Laut Anthropologen verschlechterte sich mit der Zuwendung zum Ackerbau der allgemeine Gesundheitszustand der Menschen. Zudem sollen sich die Körpergröße und die Muskelmasse vermindert haben.

Die Ur-Europäer können ihrer Lebensweise nach den Jägern und Sammlern zugerechnet werden. Ihre Ernährung bestand überwiegend aus Fleisch, Samen, Kernen und Wurzeln sowie gelegentlich aus Fisch, Eiern und Früchten. Daraus leitet sich die Frage ab, ob eine heutzutage praktizierte Abkehr von getreidebetonter Kost hin zu fleischgemüsebetonter Kost als artgerecht zu bezeichnen und somit als gesundheitsfördernd einzuschätzen wäre.

Der Ackerbau bescherte der Menschheit eine bis dahin unmögliche kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Bereits die frühzeitlichen Hochkulturen der Maya, Inka und Ägypter wurden durch den Ackerbau möglich. Ernährungsphysiologische Aspekte vernachlässigend, stellt der Ackerbau daher einen positiv zu wertenden Entwicklungsschritt dar. Aus ernährungsphysiologischer und medizinischer Sicht werden jedoch hitzige Debatten über den gesundheitlichen Wert getreidebetonter Kost geführt. Da die Ägypter ihre Toten mumifizierten, sind die  Leichname auch heute noch gut erhalten. Dadurch lassen sich mit Hilfe von Untersuchungen Aussagen zum Gesundheitszustand der Menschen zu deren Lebzeiten treffen. Demnach litten bereits die alten Ägypter an Typ-2-Diabetes, Arteriosklerose („Blutgefäßverkalkung“) und Herzinfarkt.

Die „out of africa“-Hypothese

Als Wiege der Menschheit wird der ostafrikanische Grabenbruch genannt. Dort soll der Homo sapiens erstmals vor ca. 120.000 Jahren aufgetreten sein. Nachdem er Afrika besiedelt hatte, gelang es einem Teil der Population über das rote Meer in den vorderasiatischen Raum vorzudringen. Von dort ausgehend, breitete sich der Mensch schließlich im Verlauf der Jahrtausende über alle Kontinente aus. Die wandernden Horden durchquerten dabei die verschiedenen Klimazonen, wodurch sich Flora und Fauna sowie das Nahrungsangebot veränderten.

Im Tropengürtel um den Äquator dominierte pflanzliche Nahrung bestehend aus Blüten, Blättern und Früchten. In den gemäßigten Breiten standen Fleisch, Samen und Wurzeln zur Verfügung. Im ewigen Eis des Nordpolarkreises dienten Wale, Robben und Fisch als Hauptnahrungsquelle. Vergleiche der Ernährung der Inuit und der Andenindianer zeigen extreme Abweichungen in den Makronährstoffrelationen. Die traditionelle Kost der Andenbewohner ist kohlenhydratreich sowie fett- und proteinarm. Dem hingegen zeigt sich die traditionelle Ernährung der Inuit als protein- und fettbetont, aber faktisch kohlenhydratfrei. Trotz dieser massiven Unterschiede in der Ernährung konnte der Mensch fast jede Region der Welt besiedeln und dort erfolgreich, mittlerweile seit Jahrtausenden beständige, Kulturen gründen.

Diese Darstellung zeigt deutlich, dass es die eine artgerechte Ernährung des Menschen nicht gibt. Vielmehr erweist sich der menschliche Organismus als Anpassungswunder. Der Mensch scheint befähigt zu sein, die eigene Art- und Kulturerhaltung mit den unterschiedlichsten Nahrungsquellen bewerkstelligen zu können. Nicht umsonst wird er als das erfolgreichste Wesen im biologischen System gewertet.

Nicht auszuschließen ist dabei jedoch das Einwirken des bereits erklärten Mechanismus der genetischen Anpassung bzw. der biologischen Auslese. So ist es durchaus vorstellbar, dass nicht alle Menschen einer wandernden bzw. siedelnden Horde mit den veränderten Bedingungen vor Ort zurechtkamen.  

 

Heile Welt mit Steinzeitkost 

Da es die eine artgerechte Ernährung des Menschen offensichtlich nicht gibt, kann auch keine pauschale Ernährungsform zur Lösung aller gesundheitlichen Probleme der Menschheit propagiert werden.

Die Umstellung von der westlichen Kost auf die ursprünglich-traditionelle Ernährungsweise in einer bestimmten Region scheint den vorangestellten Beschreibungen nach jedoch ein schlüssiges Modell zu sein. Für die Menschen in Mittel- und Nordeuropa wäre demnach die Ernährung der Jäger und Sammler – häufig als „Steinzeitkost“ bezeichnet – als artgerecht zu bewerten sein.

Das Modell der Rückkehr zur ursprünglich-traditionellen Ernährungsweise in einer bestimmten Region ist bzgl. seiner Funktionalität aber an Bedingungen geknüpft. So muss zum einen bekannt sein, welcher Bevölkerungsgruppe und welcher Region ein Mensch erbgutmäßig entstammt. Zum anderen muss bekannt sein, wie die traditionelle Ernährwungsweise in dieser Region zu charakterisieren ist. Dabei sticht die Realität das theoretische Modell aus. Infolge der Globalisierung vermischen sich die Genpools der Bevölkerungsgruppen. Bekommen z. B. Andenindianer und Inuit gemeinsame Nachkommen, ist deren genetische und regionale Zuordnung zu einer bestimmten Ernährungsform nur noch schwerlich möglich. Wie sollten sich diese Kinder ernähren: eiweißfettbetont oder kohlenhydratbetont oder mit einer Mischung daraus?

Dazu kommt, dass selbst innerhalb einer biologisch abgrenzbaren Bevölkerungsgruppe gewisse genetische Abweichungen, wie z. B. Genpolymorphismen, zu unterschiedlichen Reaktionen des Körpers auf bestimmte Nährstoffe und Nahrungsmittel führen. So können z. B. zwei Südspanier, die sich vorbildlich traditionell mediterran ernähren, aufgrund von Genpolymorphismen des Vitamin D-Rezeptors einen unterschiedlichen Bedarf an Vitamin D aufweisen. In dem Fall benötigt die eine Person deutlich mehr Vitamin D, um die eigene Gesundheit aufrechtzuerhalten.

Noch komplexer erweisen sich die Zusammenhänge, wenn neben den genetischen Aspekten die epigenetischen Faktoren Berücksichtigung finden. Epigenetische Mechanismen machen es möglich, dass sich der Zustand des Körpers ohne Veränderungen in den Erbanlagen in eine günstige oder ungünstige Richtung entwickelt. Demnach wäre es möglich, dass einer der Südspanier trotz mediterraner Kost zu Übergewicht und Diabetes neigt, da er wenig schläft und keinen Sport betreibt.

Daran schließt sich ein weiterer Punkt an: Gene interagieren mit der Umwelt. Das heißt, bei günstigen Umweltbedingungen können selbst krankheitsfördernde Gene „inaktiv“ bleiben, wodurch eine Störung des Organismus ausbleibt. Das Gleiche gilt umgekehrt: Bei „gesunder“ Genetik können ungünstige Umweltbedingungen zu Erkrankungen führen. Diesbezüglich ist festzustellen, dass die Umweltbedingungen zur Steinzeit gänzlich verschieden waren im Vergleich zur heutigen Situation. Steinzeiternährung sowie die Umwelt- und Sozialbedingungen zur Steinzeit haben daher anders auf den Körper gewirkt als Steinzeiternährung unter unseren heutigen Bedingungen.

Die Erklärungen machen ersichtlich, dass Ernährungsberatung bzw. die Suche nach der perfekten Ernährung für sich selbst eine Herausforderung auf individueller Ebene darstellt. Dabei müssen genetische, epigenetische, soziale und weitere umweltrelevante Aspekte berücksichtigt werden.

 

Info

Praxisnahe Einblicke in die komplizierten Mechanismen einer langfristig erfolgreichen Gewichtsreduktion ohne Jojo-Effekt vermittelt der nebenberufliche Lehrgang der BSA-Akademie zum „Berater für Gewichtsmanagement“. Die Teilnehmer lernen, wie der Stoffwechsel hinsichtlich Körperfettaufbau und Körperfettabbau gesteuert wird und wie darauf mit optimierten Maßnahmen Einfluss genommen werden kann. Ziel des Seminares ist  es, Beratern und Trainern Wege und Problemlösungsansätze für die Betreuung von abnehmwilligen Personen wie z. B. Übergewichtigen zu vermitteln.